Sadistische Architektur oder: Der fliegende Aufzug

Jahrelang hatte ich einen saublöden Alptraum: In einem Aufzug zu sitzen, der falsch programmiert ist und deshalb plötzlich im 60. Stock eines Hochhauses mit voller Geschwindigkeit ungebremst durchs Dach bricht.

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Aber Träume sind Schäume, so etwas gibt es doch gar nicht. Dachte ich. Bis ich auf eine Intel-Pressekonferenz eingeladen war. Diese war im Mercedes-Gebäude in München am Mittleren Ring. Im 13. Stock. Weil das Unglück bringt, gab es allerdings keine „13“ am Lift. Nur ein „K“ für „Keller“, nein, „Konferenz“.

Das war aber noch das kleinste Problem:

Das größere Problem war, daß der Lift rundum verglast war. Für jemand wie mich, der nicht schwindelfrei ist, sehr unangenehm.

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Ich fragte nach einem anderen Weg nach oben, doch die Mercedes-Mitarbeiter waren unerbittlich: Besucher dürfen nur mit diesem wirklich außergewöhnlichen Aufzug nach oben fahren.

Nun gut, er war ja wenigstens mitten in den Verkaufsräumen. Also „K“ drücken, Augen zu, abwarten.

Lift wird langsam, Augen wieder auf.

Mist, erst 3. Stock. Zwei Mercedes-Mitarbeiter steigen zu. Fahren bis zum 5. Stock.

Also Augen wieder zu, warten. Die beiden steigen aus. Augen zu, noch einmal Anfahren, Abbremsen, dann raus. Doch da kommt der Kommentar: „Freuen Sie sich, jetzt kommt das Schönste, jetzt bricht er durch das Dach!“

WAAAAS?!?!

Tatsache: Ab dem 6. Stockwerk saust dieser Lift bei Mercedes durch das Glasdach und fährt auf der Außenseite des Gebäudes weiter. Nein, nicht nur in der Mauer oder sowas, sondern außen abstehend angebracht wie ein Plumpsklo an einer Ritterburg saust er an einem ebenso komplett verglasten Gebäude empor bis zum 13. Stock!

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Im 13. Stock steht man dann nach 4 Seiten komplett im Freien. Nur unter einem eine quadratische Liftplatte und vor einem ein etwa 1 m breiter, mit GlasTeppich belegter Glas-Gang, der scharf nach links wegführt.

Erst nach etwa 8 m erreicht man eine normale Empfangstheke mit einer normalen undurchsichtigen Mauer dahinter und einem undurchsichtigen Fußboden davor.

Wie ich aus dem Lift bis zur Empfangstheke gekommen bin, weiß ich nicht mehr.

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Nach der Pressekonferenz zurück schaffte ich jedoch nicht, schon das Warten auf den Lift (es sind zwei nebeneinander) im 13. Stock im Glaspalast ohne Mauern war zuviel.

Und, oh Wunder: Für Angestellte gibt es doch einen normalen Aufzug im Inneren des Gebäudes, der eine normale, undurchsichtige Kabine hat. Nur Besucher dürfen den eigentlich nicht benutzen, denen will man ja was Besseres bieten 🙁

Gibt es eigentlich keine Architekten, die sich vorstellen können, daß es Leute gibt, die nicht gern in einer Glasgondel außen an einem Glaspalast hochgezogen werden?!?!? 🙁 🙁

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Immerhin: Der Alptraum ließ sich nie mehr blicken. Die Realität hatte ihn übertroffen. Ein anderer als ich hätte es wohl geil gefunden.

Ob Roald Dahl ahnt, was er mit dem fliegenden Aufzug in „Charlie und die Schokoladenfabrik“ so angerichtet hat?

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