Goa – nur zum Kiffen gut?

Wegen der kurzen Beschreibung in der Galerie zu Goa 1994 wurde ich nun schon mehrfach angeschrieben, was da nun eigentlich abgegangen sei. Wieso ich dort einen Hörschaden davongetragen habe – ob ich etwa vor einer Box eingeschlafen sei?

Nein, geschlafen habe ich dort nicht mehr als andere Leute – also eher wenig. Allerdings gab es andere Probleme: Ich war damals in meinem ersten hauptberuflich journalistischen Job und hatte – damals gab es das noch real, in späteren journalistischen Jobs nur noch auf dem Papier – Urlaub bekommen.

Da ich damals auch beruflich viel mit der Mailboxszene zu tun hatte – Internet hatten Privatleute 1994 noch nicht, nur als Student war so etwas möglich, und das war ich ja nicht mehr – hatten sich auch persönliche Kontakte zu einigen Sysops – Mailboxbetreibern – entwickelt.

Davon wollten zwei in ziemlich nahe beieinander liegenden Gebieten Urlaub machen, der eine in Sri Lanka, der andere in Goa. Beides interessierte mich, beide hätten mich auch gerne dabei gehabt, allerdings schien sich Goa schneller zu realisieren.

Ich wußte damals wenig über Goa. Also über Land und Leute durchaus, doch nicht über die spezielle Rolle Goas in der Hippie-Kultur. Ich wollte einfach nur Urlaub machen. Gegen Party hatte ich dabei nichts, so wie ja auch bereits in Ibiza erlebt. Aber ich wußte nichts davon, daß Goa so ein Drogenparadies war. Ja, nennt mich ruhig naiv. Ich hatte zwar keine Probleme mit Drogen, halte zumindest Cannabis auch für wenig dramatisch, solange man es nicht – wie hierzulande leider fast immer – als Harz mit Tabak konsumiert. Hatte aber auch nur geringes Interesse. Der Sysop, mit dem ich die Reise antrat, hatte dagegen klar das Ziel, sich mal zwei Wochen so richtig zuzukiffen und wollte deshalb nach Goa – doch das war mir damals nicht klar.

Wir hatten ein Haus in Anjuna Beach gemietet, dem Ort, wo auch der Hippie Markt stattfindet – tatsächlich mußten wir nur über ein Feld gehen, um zum betreffenden Strand zu kommen. Südlich davon waren die harmlosen, braven Touristen – nördlich ging es jedoch ebenso schnell über zu den wirklich abgestürzten Junkies.

Wir waren gerade erst angekommen, als ich das Gefühl hatte, soeben Opfer eines Bombenanschlags geworden zu sein – es war heiß geworden und sehr still. Tatsächlich hatte derjenige, der das Haus gemietet hatte, einen Chinakracher nach mir geworfen – Feuerwerk ließ man dort das ganze Jahr los. Dieser war genau an meinem Ohr explodiert, ich hörte die nächsten Tage gar nichts mehr und mit Party war es von da an für mich vorbei – bei größeren Lautstärken streicht das betreffende Ohr seitdem schnell für mehrere Tage die Segel, auch wenn ich in ruhiger Umgebung nach wie vor ein normales Hörvermögen habe. Ich kann es auch nicht mehr ertragen, wenn Leute in Konzerten das Mitklatschen anfangen.

Als Nächstes wollte der betreffende Typ, den ich vorher nicht gekannt hatte, mit uns Motorrad fahren. Ich fuhr mit ihm etwa 2 km, das reichte mir vollauf, ich hatte keinen Bock darauf, auf diese Art vorzeitig den Löffel abzugeben. Für den Rückweg bestand ich daher dann darauf, lieber zu Fuß zu gehen. Damit hatte ich bei ihm fortan verschissen.

Der Sysop, mein Mitreisender, hatte Angst davor, sich diese Blöße zu geben, gab lieber vor, auch so gerne Motorrad fahren zu wollen und deshalb selbst eins fahren zu wollen. Er mietete dann einen Vespa-Nachbau mit Automatik. Problem war allerdings: So eine Vespa ist durchaus gutmütig, wenn man mit ihr gemütlich bei Innerortstempo dahintuckert. Für Rasereien ist sie weniger geeignet, weil einem bei höheren Geschwindigkeiten schon mal das Hinterteil wegrutscht (also das von der Vespa).

Mein Mitreisender war so sehr darauf bedacht, vor dem flotten Motorrad-Fahrer nicht als Weichei dazustehen, daß er versuchte, ihm hinterherzurasen. Das klappt natürlich nicht, schon mit dem Auto ist es eine der einfachsten und dämlichsten Übungen, jemand abzuhängen, der einem nachfahren will.

Besonders blöde ist dann aber, wenn man mit überhöhter Geschwindigkeit, ohne Fahrpraxis und mit so einer pummligen Vespa um eine Kurve prescht, wenn man sich in einem Land befindet, wo es weder wirklich befestigte Straßen noch Sturzhelme gibt.

Nun mußte mein Mitreisender sich wirklich zukiffen, um die Schmerzen zu ertragen, denn er landete mit der Fresse mitten in einem Haufen scharfer Splitt-Steine, die zum Straßenbau aufgeschichtet waren. Für ihn war der Rest des Urlaubs gelaufen und die japanische Vespa war auch hinüber.

Die war allerdings nach wenigen Tagen wieder repariert, für ihn sah es dagegen anfangs ganz übel aus. Nun durfte ich damit fahren, weil mein Mitreisender auch nach der Entlassung aus dem Krankenhaus nicht mehr dazu imstande gewesen wäre. Er ließ sich nun von dem flotten Motorrad-Fahrer mit Dope, Opiumkügelchen und Whisky versorgen – als Medizin. Das Opium hatte uns der Typ auch vorher schon aufgedrängt.

Ich hatte – obwohl ich auch keine Motorraderfahrung hatte, aber nach Führerscheinen fragt in Goa niemand – mit der Vespa keine Probleme: Ich fuhr nur so schnell, wie ich wollte und mich traute, was 50, maximal 60 km/h waren. Mehr war auf den dortigen Pisten auch nicht wirklich sinnvoll. Und entkam somit von nun an den beiden.

Das war auch besser so, denn eine Woche später erwischte ich beim Heimkommen den flotten Fahrer dabei, wie er ein Pulver im Löffel über einer Kerze erhitzte. „Vitamin C“ plärrte er, doch so naiv war ich dann bezüglich Drogen doch nicht, es war klar, daß der betreffende Buchstabe „H“ war, nicht „C“.

Mein Mitreisender glaubte mir dies zunächst nicht, doch wurde er später eines Besseren belehrt. Er schaffte den Weg zurück nach Deutschland dann nur, weil ich die Rückflugbestätigungstickets abholte, er hätte dies nicht mehr gekonnt. Und ich bin froh, dieser Gesellschaft abgesehen von dem Ohrenschaden heil entkommen zu sein.

Goa ist „Indien light“ – sehr entspannend und angenehm. Aber man sollte sich seine Gesellschaft für solche Reisen sehr gut auswählen. Wäre ich nach Sri Lanka, könnte ich auch heute noch in die Üxx-Disco 🙂

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